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Die Klosterbibliothek des ehemaligen Zisterzienserklosters Aldersbach

 

Der christliche Gottesberg – Theologie - Teil 3

Aldersbach gehörte bis zum Jahr 1803 zu den politisch und wirtschaftlich starken Klöstern in Bayern. Die Prälaten waren neben dem Kurfürsten und den Fürstbischöfen die Hauptkulturträger und Auftraggeber, die ihren herrschaftlichen Anspruch in prachtvollen Kirchen und residenzartigen Klosterbauten zum Ausdruck gebracht haben.
Die barocke Bibliothek des Zisterzienserklosters Aldersbach wurde unter Abt Theobald I. Grad (1705-1734) gebaut. Die Fresken stammen aus der Jahr 1760, als Abt Theobald II. Reitwinkler (1745-1779) dem Augsburger Freskenmaler Matthäus Günther (1705-1788) den Auftrag zur Ausmalung gab.
Auch wenn die Bibliothek seiner einstmals 30 000 Bücher beraubt ist, sagen die Deckenfresken doch viel über die Wissens- und Forschungsgebiete des Klosters aus. Es sind Bücher der geistlichen und weltlichen Wissenschaften, die auch deswegen nötig waren, weil unter dem Abt Malachias Niederhofer (1669-83) im Kloster eine Hochschule für Philosophie und Theologie mit Seminar eingerichtet worden war. Alle Bestandteile der Bibliothek, d.h. Bücher und Deckenfresken, waren wohldurchdacht zu einer Einheit verschmolzen. Das Programm für die Deckenfresken muss von einem in Wissenschaftsgeschichte und Theologie gebildeten Konzeptschreiber entworfen worden sein. Wahrscheinlich war es der Auftraggeber der Fresken selbst, Abt Theobald II. Reitwinkler, der wie überliefert ist, „in Philosophisch- und Theologischer Wissenschaft rühmlichst versiret“ war.
Wenn der Besucher den Bibliothekssaal betritt, sieht er im Zentrum der Spiegeldecke die Dreifaltigkeit als Sitz der Weisheit. In den Diagonalen darunter präsentieren sich die vier Evangelisten Matthäus (Mensch), Markus (Löwe), Stier (Lukas) und Johannes Adler) mit ihren Symbolen. In den vier Bildfeldern sind historische Persönlichkeiten zu sehen, die die geistlichen und weltlichen Wissenschaften repräsentieren.
Das Bildfeld auf der rechten Seite (Westen) zeigt die theologischen Wissenschaften mit Repräsentanten aus dem Hoch- und Mittelalter mit dem christlichen Gottesberg. Der heidnische Musenberg im Osten (Parnaß) und der christliche Gottesberg im Westen stehen sich also gegenüber. Gedeihen die antiken Wissenschaften und Künste unter dem Schutze heidnischer Götter, so vertrauen sich die christlichen Philosophen dem Hl. Geist und der Kirche an. Heidnischer Philosophie wird weltlicher Lorbeer zuteil, der Lohn christlicher Philosophen sind Gnadenstrahlen, Erleuchtung, gar Erkenntnis.
Auf dem Fresko erhebt sich der Gottesberg, auf dessen umwölkten Gipfel eine weibliche Figur im weißen Chorhemd und gelben Umhang mit Kopfschleier thront, die die Kirche (ecclesia) symbolisiert. Sie trägt das Pallium, das Amtsabzeichen des Papstes. Neben ihr steht auf dem Buch mit den sieben Siegeln ein Kuppelbau mit Kelch und Hostie als Attribute des Glaubens (fides) an der Spitze. Das Kreuz ragt dahinter hervor. Über allen aber schwebt die Taube des Heiligen Geistes, aus deren Schnabel ein Gnadenstrahl hervorgeht, der die Ecclesia trifft; weitergeleitet durch den Spiegel, den die weibliche Figur in der echten Hand hält, wird der Gnadenstrahl auf die Hostie (hl. Eucharistie) reflektiert, bricht sich dort und geht in vielen Strahlen auf die unten am Fuß des Berges versammelten Vertreter der theologischen Wissenschaften nieder. Die Kirche schart ihre Wissenschaftler unter sich, diese empfangen die Gnadenstrahlen des Heiligen Geistes durch den Glauben und das eucharistische Sakrament.
Im Zentrum sitzt der Dominikaner und Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225-1274), dessen Schriften in den Klosterbibliotheken zum „Pflichtprogramm“ gehörten. Die Sonne vor seiner Brust ist seit dem späten Mittelalter sein Attribut. Er ist der Hauptvertreter der Scholastik, die die Glaubenswahrheiten vernunftmäßig zu beweisen versucht und auf der antiken Philosophie aufbaut. Thomas blickt zum Kreuz, ein aufgeschlagenes Buch liegt auf seinen Knien. Die Szene beschreibt, wie Christus vom Kreuz herab zu Thomas spricht: „Gut hast du über mich geschrieben.“
Schräg links hinter Thomas steht der Benediktiner Anselm von Canterbury (1033-1109), der zentrale Grundpositionen der Scholastik formulierte: „Glaube, der nach Einsicht sucht“ und „Ich glaube, damit ich verstehe.“
Der rechts neben Thomas von Aquin stehende Heilige ist der Jesuit Petrus Canisius (1521-1597), der an der Universität Ingolstadt lehrte, wohin das Kloster Aldersbach seinen Priesternachwuchs sandte. Canisius war als geistlicher und politischer Vorkämpfer der Gegenreformation maßgeblich am Neuaufbau der katholischen Kirche beteiligt. Mit seinen drei Katechismen schuf er eine allgemeine Norm für die Christenlehre. Der spanische Jesuit Franz Suarez (1548-1617), der auf dem Stuhl sitzt und in ein aufgeschlagenes Buch schreibt, entfaltete mit seinen metaphysischen, juristischen Schriften und theologischen Traktaten eine gewaltige Wirkung. Er wird als Mitbegründer des Völkerrechts im neuzeitlichen Sinne angesehen.
Weitere Theologen sind der Augustiner- Chorherr Hugo von St. Victor (1000-1141), der Franziskaner Duns Scotus (1265-1308) und der Bischof und Zisterziener Otto von Freising (1112-1158), der als Vertreter der Geschichtsschreibung in zisterziensischen Bildprogrammen erscheint.