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Die Klosterbibliothek des ehemaligen Zisterzienserklosters Aldersbach

 

Nordwand - Die Mystik - Teil 4

Wenn der Besucher die barocke Bibliothek des ehemaligen Zisterzienserklosters Aldersbach betritt und das Deckengemälde betrachtet, sieht er gemalte Scheinarchitekturen, die die Fläche in vier Seitenfelder um ein ovales Mittelfeld gliedern. In den Diagonalen darunter präsentieren sich die vier Evangelisten Matthäus (Mensch), Markus (Löwe), Stier (Lukas) und Johannes Adler) mit ihren Symbolen. In den vier Bildfeldern sind historische Persönlichkeiten zu sehen, die die geistlichen und weltlichen Wissenschaften repräsentieren.
Dreifaltigkeit als Sitz der Weisheit
Im Zentrum des Mittelfeldes ist die Dreifaltigkeit als Sitz der Weisheit zu sehen. Das ist die Botschaft des Deckengemäldes, das im Jahr 1760 von dem Augsburger Freskenmaler Matthäus Günther (1705-1788) geschaffen wurde: Alles Wissen, das der Mensch erlangt, führt ihn letztlich zur Dreifaltigkeit Gottes, Allmacht der Weisheit und der Erkenntnis.
Die Mystik - Wichtiger als alles Wissen ist der Glaube.
Von der Dreifaltigkeit besonders begünstigt ist die Mystik. Sie übertrifft alle verstandesmäßig angegangene Wissenschaft an wahrer Erkenntnis. Und so geht von der Dreifaltigkeit ein Strahl zu einer auf Wolken sitzenden Frau, es ist die Allegorie der Prudentia (Klugheit,Weisheit) mit den Attributen Spiegel für Selbsterkenntnis und Schlange für weise Tugendhaftigkeit. Der Strahl endet bei dem sitzenden Bernhard von Clairvaux (1090-1153), der die Leidenswerkzeuge Christi betrachtet.
Bernhard von Clairvaux
Der hl. Bernhard, Abt, Kreuzzugsprediger, Kirchenlehrer und Mystiker, gilt als einer der bedeutendsten Mönche und Gestalter des mönchischen Reformordens der Zisterzienser. Mit ihm hat der Orden den entscheidenden Aufschwung erlebt und sich über ganz Europa verbreitet. Sein Gedenktag ist der 20. August, der auch im Namenkalender der Evangelischen und der Anglikanischen Kirche angeführt wird. Bernhard trägt die weiße Flocke, die beim Chordienst angelegt wird. Der Strahlenkranz um sein Haupt entrückt ihn der irdischen Sphäre. Das überirdische Licht und sein nach oben gerichteter Blick veranschaulichen sein Entrücktsein, die Hand auf seiner Brust seine Ergebenheit. Mitten ins Herz trifft ihn der göttliche Gnadenstrahl, dort wo die Fingerspitzen das Brustkreuz berühren. Er schreibt in seinem Buch nicht das nieder, was in diesen Büchern zu finden ist, sondern das, was er in seiner Entrücktheit und mystischer Verzückung schaut. Zwei Engel, die vom Himmel herabsteigen, bieten ihm ein geöffnetes Buch dar. Außer diesem Buch haben sie die Leidenswerkzeuge Christi, das Kreuz mit den Nägeln, die Dornenkrone, die Lanze und den Essigschwamm bei sich, die Bernhard betrachtet. Der obere Putto weist auf das Kreuz. Damit wird wie schon im Mittelfresko auf die Leidensmystik des hl. Bernhard angespielt, wo das Kreuz mit den blutigen Nagellöchern erscheint und der Auferstandene in Lendentuch und Purpurmantel mit weitausgreifender Geste seine Wundmale zeigt.
Theologische Auseinandersetzungen im 12. Jahrhundert
Der vom hl. Geist ausgesandte Gnadenstrahl verwandelt sich durch Bernhard in vernichtende Blitze, denn im 12. Jahrhundert gab es heftige theologische Auseinandersetzungen. So werden diejenigen, die die Wissenschaft um ihrer selbst betrieben und die Wissenschaft über den Glauben gestellt haben, von den aus Bernhards Schreibfeder hervorschießenden Blitzstrahlen in die Tiefe geschmettert. Zu den Gegnern von Bernhard gehören der Philosoph Petrus Abaelard (1079-1142), dessen spekulativ-diskursive Theologie Bernhard Wissensstolz (stultiulogia) nannte, der Prediger Arnold von Brescia (1090-1155), der den der Häresie angeklagten Abaelard auf dem Konzil von Sens am 25. Mai 1141 gegen Bernhard von Clairvaux verteidigte und deswegen vom Papst verurteilt wurde und Gilbert von Portiers (1076-1154), der von Bernhard von Clairvaux wegen seiner sprachlogischen Distinktion zwischen Gott und Gottheit angegriffen und auf dem Konzil zu Reims 1148 dazu Rede und Antwort geben musste.
Die göttliche Vorsehung
Hinter ihrem Kopf ist das Trinitätsdreieck zu sehen. Dadurch wird die Prudentia zur Göttlichen Vorsehung (Providentia Divina). Die Prudentia vermittelt den Gnadenstrahl weiter zu Bernhard. Bernhard erhält sein Wissen nicht aus dem großen Folianten, die in einem Bücherschrank rechts neben ihm zu sehen sind, sondern durch die göttliche Vorsehung direkt vom dreieinigen Gott.
Vertreter der christlichen Wissenschaften
Um Bernhard herum gruppieren sich weitere Vertreter der christlichen Wissenschaften. Der links außen sitzende Franziskanermönch ist der hl. Bonaventura (1217-1274). Der Ordensgeneral und Kardinalbischof Bonaventura studierte zusammen mit Thomas von Aquin an der Pariser Universität. Er wurde heiliggesprochen und 1588 zum Kirchenlehrer erhoben. In Bibliotheken gehört er zum Pflichtprogramm. Bonaventura blickt schräg nach unten auf die nach unten stürzenden Irrlehrer und hält ihnen eine Textstelle in einem aufgeschlagenen Buch vor und tritt sogar zur Bekräftigung mit dem Fuß nach ihnen. Einer von den Verstoßenen ist vom Aussatz befallen. Es ist der Franziskanermönch Magister Giraldus Odonis (1285-1349) der eine Schmähschrift herausgegeben hat. Bonaventura schlug diese Schmähschrift nieder. Giraldus traf die Strafe Gottes, er wurde gelähmt und starb an der Pest.
Ordensgründer der Zisterzienser
Rechts schräg über Bonaventura sitzen zwei Zisterzienser in weißer Tunika mit schwarzem Skapulier (Überwurf über die Tunika einer Ordenstracht) und ein Benediktiner, es sind die drei Ordensgründer der Zisterzienser. Der Benediktiner Robert von Molesme (1028-1111) gründete 1098 das Reformkloster Citeaux. Sein Nachfolger Alberich (1050-1109) führte die weiße Ordenstracht ein und der dritte Abt Stephan Harding (1059-1134) gab dem Orden mit der Carta Caritatis eine Verfassung, die die Beziehungen der Zisterzienserklöster untereinander regelt, worauf das Buch und die Schreibfeder hinweisen.
Das Glaubensverständnis des hl. Bernhard
Neben Bernhard ist der selige Bruder Anselm zu sehen, der nach rechts außen schaut. Er war einfacher Mönch im Kloster Heisterbach. Während er als Diakon in der Messe das Evangelium las, stieg als Zeichen seiner Begnadung eine weiße Taube vom Himmel. Er steht für die Demut. Hinter der ganzen Szene sind Bäume zu sehen. Hinweis auf die Anfänge der Zisterzienser, die ihre Klöster in sumpfigen bewaldeten Tälern errichteten. Auch ein Hinweis auf das Glaubensverständnis von Bernhard, der gesagt hat: Was er in der Schrift gelernt habe, das habe er in Wald und Feld durch Betrachtung und Gebet empfangen. Und seinen Freunden vertraute er an, dass er nie andere Lehrer gehabt habe denn die Eichen und Buchen im Wald – so die Legenda aurea. Die ganze Nordseite besteht fast nur aus Zisterziensern. Sie sind die vom Himmel bevorzugten, denn das Deckenbild mit der Hl. Dreifaltigkeit bezieht sich allein auf sie. Nur sie erreichen durch die Gnade Gottes, vermittelt durch die göttliche Vorsehung, die wahre Stufe der Erkenntnis, die über jegliche wissenschaftliche Einsicht hinausgeht. Die erste Stufe ist die Selbsterkenntnis, wofür der Spiegel der Sapientia steht. Demut und Bescheidenheit sind der nächste Schritt, was in Gestik und Mimik des hl. Bernhard zum Ausdruck kommt. Hinwendung zu Gott und Hoffen auf seine Barmherzigkeit sind der einzige Weg, der zu Gott führen kann. Wirklich erkannt wird Gott jedoch erst in seiner Offenbarung durch den hl. Geist. Dieser sendet im Deckenfresko seine Gnadenstrahlen aus. Der Weg zu Gott kann nur durch den zum Menschen gewordenen Jesus Christus führen. Ihn schaut Bernhard in seiner Verzückung. Das ist das wahre Wissen. Jetzt wird klar, weshalb der einfache Mönch Anselm direkt neben Bernhard abgebildet ist. Er steht für die Demut. Damit zeigt er den Weg, der zur wahren Erkenntnis führt und zu dem keine Gelehrtheit nötig ist.
Die Mystik empfängt den Gnadenstrom direkt von der hl. Dreifaltigkeit. Sie übertrifft alle verstandesmäßig angegangene Wissenschaft an wahrer Erkenntnis. Wichtiger als alles Wissen ist der Glaube.