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Die Klosterbibliothek des ehemaligen Zisterzienserklosters Aldersbach

 

Naturwissenschaften - Teil 2

Der kunstsinnige Abt Theobald II. Reitwinkler (1745-1779) gab im Jahr 1760 dem berühmten Augsburger Freskenmaler Matthäus Günther (1705-1788) den Auftrag, den Bibliothekssaal auszumalen. Das Bildprogramm umfasst vier Seitenfelder. Im Zentrum der Spiegeldecke ist die hierarchisch höchste Figur zu sehen, die Dreifaltigkeit als Sitz der Weisheit: Alles Wissen, das der Mensch erlangt, führt ihn letztlich zur Dreifaltigkeit Gottes, Allmacht der Weisheit und der Erkenntnis. In den Diagonalen darunter erscheinen die vier Evangelisten. In den vier Feldern sind die geistlichen und weltlichen Wissenschaften verkörpert.
Ostwand: Antike Wissenschaften
Westwand: Theologische Wissenschaften,
Nordwand: Mystik
Südwand: Naturwissenschaften: Astronomie, Musik, Geographie, Physik und Medizin
An der Südwand, der Fensterseite, sehen wir in zwei Ebenen angeordnet eine Versammlung von Personen in Ordenstracht oder antiker Gewandung. Sie stehen auf einem Mauersockel oder erhöht auf einem abgetreppten Aufbau. Vorne links ist der Kirchenlehrer Albertus Magnus (1193-1280) zu erkennen. Seine zahlreichen Schriften über theologische, philosophische und naturwissenschaftliche Probleme brachten ihn den Titel „Doctor Universalis“ ein, und die Kirche verlieh ihm den Beinamen „Magnus“, der Große. Albertus Magnus ist gerade dabei, eine sprechende Statue zu schaffen. Die Legende vom Zauberer Albertus Magnus, der mittels seiner naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sprechende Statuen erschaffen konnte, war im 18. Jahrhundert weit verbreitet.
Links von ihm sehen wir zwei mit Arbeitskitteln bekleidete Männer, die sich über eine Hahnluftpumpe beugen, mit der man pneumatische Versuche machen konnte. Einer bewegt den Drehkranz. Im Jahr 1760 waren solche Apparaturen hochaktuell.

Einer der in der Antike die Grundlagen für die Naturwissenschaften gelegt hat, ist mit weißem Bart, Toga und mit einem Zirkel in der Hand dargestellt: Archimedes von Syrakus (287-212), der bedeutendste Mathematiker und Physiker der Antike, der das Hebelgesetz formuliert und technische Erfindungen gemacht hat.
Die zentrale Gestalt im Vordergrund in antiker Kleidung und Kniestiefel mit Pilgerstab in der Rechten und Lederkoller ist der hl. Wilhelm X. von Aquitanien (1099-1137), eine von Legenden umrankte Figur. Mit der Linken weist er auf die Erdkugel. Nach einem ausschweifenden Leben soll Wilhelm vom Hl. Bernhard von Clairvaux bekehrt worden sein. Wilhelm tat Buße, indem er Pilgerfahrten unternahm. Wanderstab und Erdglobus weisen auf die Geographie hin. Über Wilhelm befindet sich die Astronomie, verkörpert durch Beda Vererabilis (672-735) als bärtiger Benediktinermönch. Er hält einen Zirkel und ein Fernrohr in der rechten Hand und stützt sich auf einer Armillarsphäre.

Eine Armillarsphäre (lat. armilla „Armreif“, sphaera „Kugel“) oder Weltmaschine ist ein astronomisches Gerät zur Darstellung der Bewegung von Himmelskörpern. Sie besteht aus mehreren gegeneinander drehbaren Metallringen, die insgesamt die Form einer Kugel bilden.
Die Messgeräte weisen auf die mathematischen Hilfswissenschaften hin: ein Proportionalzirkel (eine Art Rechenschieber), ein katoptrischer Zirkel und in Winkellineal, auf dem Gesims ein Neigungsmesser, ein Winkelmesser und trigonometrisches Lineal.
Der Benediktiner in schwarzer Tunika und Skapulier mit Kapuze hält Buch und Schreibfeder. Das vorgestreckte linke Bein ist von einem weißen Verband umwickelt, unter der rechten Achsel ist eine Holzkrücke geklemmt. Es ist der hl. Hermannus Contractus (1013-1056), der von Jugend an gelähmt war. Er lebte im Benediktinerkloster Reichenau und verfasste mathematisch-astronomische Werke.
Der selige Guido von Arezzo (990-1050) mit Notenblatt ist der Patron der Musik. Er führte Notenlinien, Notenschlüssel und Notensilben ein und hat sich um die Musiktheorie verdient gemacht.
Rechts betreten die Ärztebrüder Cosmas und Damian in orientalischer Tracht die Bühne. Sie haben unter Kaiser Diokletian (284-305) den Märtyrertod erlitten. Als Attribute tragen sie Heilkräuter und Tiegel für Medizin und Pharmazie. Die Zwillingsbrüder, die unentgeltlich Kranke geheilt und gepflegt haben, wurden bereits im Mittelalter als Patrone der Ärzte verehrt. Rechts neben ihnen wird eine kleine „fatto“, ein Geschichtchen, erzählt. Der Gehilfe zerkleinert mit einem Stössel etwas in einem Mörser. Er versinnbildlicht die Pharmazie. Mit den Destillierkolben, den Flaschen und der Zange ist die Chemie angedeutet.
Die schemenhaft angedeuteten Männer zwischen Guido und Cosmas und Damian sind in antiken Gewändern dargestellt: Hippokrates (460-370 v.Chr.), Begründer der Medizin und Galenos (ca. 200-130 v. Chr.), einer der bedeutendsten Ärzte des Altertums, der in seinen medizinischen Schriften die Grundlagen für Anatomie, Physiologie und Pathologie legte.