Der Augustinisaal im Chorherrenstift Reichersberg

Das Chorherrenstift Reichersberg am Inn gehörte bis 1779 zu Bayern. Mehrere Festsäle aus der Barockzeit zeugen noch heute von dem Geschmack und der Prachtliebe der Prälaten. Als ein Höhepunkt der künstlerischen Ausstattung der Klostergebäude ist der Augustinisaal anzusehen, der im Südtrakt mit den Pfeilerarkaden liegt. Er entstand in der Regierungszeit der Pröpste Anton Ernst und Theobald Antißnerm, deren Wappen am Rahmen des Deckenspiegels zu sehen sind.     

Das Deckenfresko wurde 1695 von Johann Eustachius Kendlbacher (1660-1725) ausgeführt. Die Auszierung der Wände oblag Benedikt Albrecht. Beide Maler stammen aus München.

Das Thema des langgestreckten Mittelbildes ist das Wirken der göttlichen Vorsehung, der „Providentia divina“, die das Schicksaal der Menschen und den Lauf der Weltgeschichte beeinflusst. Die weibliche Figur der „Providentia divina“ ist mit Szepter, Weltkugel und Zirkel dargestellt. Umrahmt wird sie von vier antiken Götterfiguren. Links schweben Jupiter (mit Adler und Blitzen) und Ceres (mit Bäumchen) auf einer Wolkenbank, rechts sind Juno (mit Pfau) und Neptun (mit Dreizack und Wasserkrug) zu sehen. Sie vertreten die vier Elemente: Feuer und Erde, Luft und Wasser. Um die beiden Götterpaare spielen jeweils Grüppchen von Putti, die ihrerseits anhand der beigegebenen Attribute als Personifikationen der vier Jahreszeiten zu identifizieren sind.

Links schleppen einige der Putten eine große Getreidegarbe (Sommer). Andere balgen mit Stöcken (Winter). Rechts streuen zwei Putti Blüten (Frühling). Drei andere laben sich an reifen Weintrauben (Herbst).

Das zentrale Deckenfresko, in hellen Farben gemalt, wird von einer wuchtigen Scheinarchitektur aus Säulen und Bögen über einem stuckierten Gesims getragen, in der zwischen den Säulen die Allegorien der damals bekannten vier Erdteile stehen: Europa, Asien, Amerika, Afrika. Sie sind als bronzierte Statuen gestaltet, helle punktförmige Glanzlichter betonen die Plastizität der Darstellung.

Schon in der Zeit der Spätrenaissance – um 1570 – haben Humanisten Vorstellungen entwickelt, wie man die damals bekannte Welt mit ihren vier Erdteilen zur Darstellung bringen könnte. Sie knüpften dabei an die seit der Antike existierende Ikonographie der vier Erdteile. Nun wurden die vier Erdteile Europa, Asien, Afrika und Amerika zu Personen mit ganz besonderen Attributen und Kennzeichen. Die von Künstlern geschaffenen Personifikationen der vier Erdteile finden sich als Fresken, Gemälde, Skulpturen und Stuck in vielen Kirchen und Festsälen im Süden des Heiligen Römischen Reiches, so auch im Augustinisaal des Augustinerchorherrenstiftes Reichersberg. Alle bekannten Medien wurden eingesetzt um die vier Erdteile in der Öffentlichkeit zu verbreiten.  Als eine Bildsprache wurden die Erdteilallegorien mit Texten, mit Dogmen, mit Erzählungen und Stereotypen verbunden. In ihnen manifestieren sich die Vorstellungen des Barock von der Gestalt der Welt, ihrer politischen, sozialen und spirituellen Ordnung, vom Fremden wie vom Bekannten.

Europa und Asien befinden sich auf der einen Längsseite, Amerika und Afrika auf der anderen. Die Figuren jedes Paares sind jeweils einander zugewandt.

Europa erscheint als Frauenfigur in schlichtem langem Gewand, das die Unterarme freilässt. In der linken Hand hält sie einen Reichsapfel, mit der Rechten stützt sie sich auf ein halb verdecktes Schild, auf dem die Köpfe des Reichsadlers zu sehen sind. Es erfolgt hier also eine Gleichsetzung Europas mit dem Kaiserreich, die dem imperialen Programm dieses Saales Rechnung trägt.

Asien tritt als androgyne Figur in orientalischer Kleidung auf: ein Turban auf dem Kopf, eine breite Schärpe um die Mitte, auf den Schultern liegt ein weiter Mantel. Neben der Kleidung ist Asiens einziges Attribut der Halbmond (mit angedeutetem Gesicht) in ihrer rechten Hand.

Das Paar Amerika und Afrika ist einander wesentlich ähnlicher. Die beiden männlichen Allegorien sind mit Pfeil und Bogen bewaffnet, zusammen mit den fremdartigen Gesichtszügen weist sie das als nach zeitgenössischem Verständnis barbarische Kontinente aus. Das Geschmeide, die beide Figuren mit der linken Hand umfassen, deutet gleichzeitig auf die exotischen Reichtümer hin, mit denen man damals diese Weltgegenden verband.

Afrika ist einzig mit einer schräg um den Leib gewickelten Decke und einem schmalen Stirnband bekleidet. Mit ihrer linken Hand hält sie ein Füllhorn, aus dem Perlen und Münzen quellen, in der rechten Hand liegt der ungespannte Bogen.

Obwohl die vier Erdteile Bestandteil der Scheinarchitektur sind, befinden sie sich doch in unmittelbarem Bezug zu der Thematik des zentralen Freskos. Sie gehören zu dem bunten allegorischen Reigen, der die Personifikation der göttlichen Vorsehung umgibt und in dem sich die Zahl vier als Ordnungsprinzip mehrfach wiederholt.

In der Wandzone unterhalb sind zwölf überlebensgroße Imperatorengestalten zu sehen, die zwischen den Fenstern stehen. Die antiken römischen Kaiser sind in Grisaille Ton in Ton ockerfarbig mit Goldhöhungen gemalt.

An der Ostseite hängt das Ölbild „Moses schlägt Wasser aus dem Felsen“,  an der Westseite „Der Mannaregen in der Wüste“. Beide stammen von Eustachius Kendlbacher. Darüber am Rahmen des Deckenspiegels die beiden Wappen der Pröpste Anton Ernst und Theobald Antißner.