Festsaal auf Schloss Obernzell

Schloss Obernzell ist ein Wasserschloss. Seine heutige Gestalt erhielt das Schloss Obernzell unter dem Passauer Bischof Urban von Trennbach (reg. 1561-1598, der die spätmittelalterliche Burg in den Jahren 1581-1583 in ein repräsentatives Renaissanceschloss mit einem Festsaal umgestaltete.  

Über dem Hauptportal ließ Trennbach ein Steinrelief mit dem Wappen des Bistums Passau (Passauer Wolf) in der Mitte anbringen. Links ist das Wappen des Bischofs Leonhard von Layming (1423-1451) und rechts das Familienwappen der Trennbach zu sehen. Die Helmzier über dem mittleren Wappen zeigt eine Krone und einen Arm mit Stein, eine Anspielung auf den Tod des Märtyrers Stephanus, dem Patron des Bistums Passau, der gesteinigt wurde.

Urban von Trennbach regierte von 1561 bis 1598, also 37 Jahre lang das Passau Bistum. Er setzte die durch das Konzil von Trient ausgehende Glaubenserneuerung des Katholizismus, die sog. „Katholische Reform“ durch. Bemerkenswert ist, dass der Festsaal auf Schloss Obernzell im Jahr 1583 an den spätmittelalterlichen Bau angefügt wurde, genau in der Zeit, als der päpstliche Gesandte Ninguarda (1524-1595) im Auftrag des Papstes Gregor VIII. (1578-1583) das Bistum Passau visitiert hat.

Den Festsaal hat Bischof Trennbach mit einem gemalten Papstfries und Inschriften ausgestattet, die über alle vier Wände laufen. Vor dem Hintergrund der Kirchenspaltung und der Gegenreformation sind die Inschriften als Manifestationen des alten römischen Glaubens zu sehen. Mit dem Papstwappenfries wollte Trennbach dem päpstlichen Gesandten Ninguarda seine Papsttreue, den Primat des Papstes und die Gültigkeit der römisch-katholischen Tradition vor Augen führen. So ist der Festsaal ein einzigartiges Denkmal humanistischen Bildungs- und Sprachbewusstsein im Zeitalter der Konfessionalisierung Ende des 16. Jahrhunderts.

Die Obernzeller Päpstereihe beginnt bei Petrus, der mit seinem Heiligenattribut, zwei Schlüsseln, dargestellt ist, und reicht bis Papst Clemens VIII. (1592-1605). Aufgeführt werden die Wappen mit Namen und Herkunft, Länge des Pontifikats und Sterbejahr.

Faszinierend und doch rätselhaft ist das über alle vier Wände umlaufende Fries mit Inschriften, das auch die acht Fensternischen miteinschließt. Das Fries umfasste ursprünglich 64 Inschriften, die durchnummeriert waren. Nach der Restaurierung in den 1970iger Jahren enthält er nur noch 54 Felder mit Sentenzen und Leitsprüchen. Sie werden durch florale Elemente getrennt. Die Texte sind in Capitalis mit Schwarz auf weißem Grund gemalt, überwiegend vierzeilig, lateinisch, aber auch in griechischer, hebräischer und altsyrischer Sprache.

Inhaltlich zielen die Inschriften auf sittlich-religiöse Bildung und sind als Leitfaden für einen moralisch-vernünftigen, „weisen“ Lebenswandel. Es sind Ratschläge für ein gutes Leben durch Gewissenserforschung und enthalten Gedanken über Leben und Tod.  

„Ehe du zu Bett gehst, lies oder höre etwas, das würdig ist, dem Gedächtnis anvertraut zu werden, damit du auch während der Nachtwachen lernst und besser wirst.“

„Lebe also, um zu leben; habe an Dingen, die du später bereuen wirst, keinen Gefallen; und tue nichts, was du später wirst ungeschehen haben wollen.“

In der Mitte der Nordseite wird der umlaufende Fries durch den Rauchkasten eines Volutenkamins unterbrochen. Wir sehen in der Mitte ein ruhendes Dromedar mit Lastenpaket und darüber ein geschwungenes Schriftband mit Inschrift.

Für das Kamel ist es typisch, dass es sich hinkniet, um beladen zu werden; ist das Gewicht jedoch genug, steht es auf und signalisiert damit, dass es nicht mehr Lasten tragen kann. Diese Wort-Bildkombination (Imprese) ist ein moralischer Appell an die Duldsamkeit.

Die Darstellung eines liegenden Kamels (Dromedar), das mit Lasten bepackt ist, ist eine Proklamation des zuversichtlich-duldsamen Ertragens von Bürden durch den Auftraggeber. Es ist ein Aufseufzen des Bischofs Urban von Trennbach, der sich in seinen Reformbestrebungen erbittertem Widerstand seitens des Domkapitels gegenübersah.

Denn der päpstliche Nuntius Ninguarda hatte bei seinen Visitationen festgestellt, dass die Angehörigen des Domkapitels weit von den Vorstellungen des tridentinischen Konzils entfernt waren vor allem was das Zölibat anbelangt. Auch war das Domkapitel nicht bereit, seine erworbene rechtliche Stellung zugunsten des Bischofs sich beschneiden zu lassen. Bischof Urbans Geduld wurde arg strapaziert. Er war (zunächst) nicht imstande, eine Erneuerung der Verhältnisse durchzusetzen. Der päpstliche Nuntius war eine willkommene Hilfe beim Kampf gegen seine Widersacher. Trenbach erhoffte sich von päpstlicher Seite Hilfe in den Auseinandersetzungen.