Der Herrenzimmer im Schloss Vornbach

Ein bedeutendes Zeugnis für die Wohnkultur des Historismus Wie aus einem Benediktinerkloster ein Schloss wurde – Teil 2

Baron Emil von Schaetzler (1831-1899) kaufte im Jahr 1857 das ehemalige Kloster Vornbach samt Brauerei und Ländereien als Familienfideikommiss (lat. fidei commissum „zu treuen Händen belassen“), das als Stiftung eine besondere Einrichtung des Erbrechts für Adelige zur Sicherung des Grundbesitzes war. Als Fideikommissbesitzer hatte Schaetzler das Nießbrauchsrecht inne, dem der Gewinn aus Grundbesitz und Brauerei zur freien Verfügung stand. Emil von Schaetzler war derjenige, der aus dem ehemaligen Benediktinerkloster Vornbach ein Schloss machte. Er war ein Sohn des evangelischen Augsburger Bankiers, Textilunternehmers und Politikers Ferdinand Benedikt Freiherr von Schaetzler (1795-1856), der seinen Kindern Emil, Constantin (1827-1880) und Olga (1828-1901) ein Vermögen von 900 000 Gulden vermachte. Constantin wurde katholischer Theologe, Olga Freifrau von Leonrod Schriftstellerin. Beide brachten ihr Vermögen in die „Olga und Constantin von Schaetzler´sche Stiftung“ für das Priesterseminar der Erzdiözese Freiburg ein. Baron Emil von Schaetzler, der evangelisch blieb und auf dem protestantischen Friedhof in Augsburg begraben wurde, investierte seinen Erbteil in Vornbach.

Nachdem Schaetzler im Jahr 1859 durch Carl von Effner (1831-1884) in Vornbach einen Landschaftspark hatte anlegen lassen, begann er im Jahr 1872 mit der Umgestaltung des oberen Stocks an der Westfront zur Beletage (piano nobile). Dazu engagierte Schaetzler den damals dreißigjährigen Rudolf Seitz (1842-1910), der als Kunstmaler, Innenarchitekt, Restaurator, Kunsthändler und Entwerfer von kunstgewerblichen Gegenständen schon einen Namen hatte. Er war nämlich zusammen mit seinem Vater Franz von Seitz (1817-1883) bei der Ausstattung der neuen Appartements für die Münchener Residenz König Ludwigs II. beteiligt. Seitz war von den Stilformen und dem vielfältigen Ornamentenvorrat der deutschen Renaissance des 16. Jahrhunderts inspiriert. In den „Gründerjahren“ des Deutschen Kaiserreiches wurde die Renaissance zum deutschen Nationalstil erklärt. Auf Ausstellungen triumphierte die Neu- Renaissance. Ganze Zimmereinrichtungen wurden in diesem Stil präsentiert und durch Kunstgewerbekataloge wie der Zeitschrift „Kunst und Handwerk“ dem großbürgerlichen Publikum schmackhaft gemacht. Man begeisterte sich für eine Epoche, die an Schöpfungen auf dem Gebiet des Kunstgewerbes unermesslich reich war und deren Ausstattungsgegenstände sich leicht für moderne Ansprüche abwandeln ließen. Als einer der führenden Protagonisten zur Wiederbelebung der Renaissance setzte Seitz auch in Vornbach seine Dekorationsideen um. Mit seiner in roter Farbe gemalten Unterschrift hat sich Seitz hier verewigt: Rudolf Seitz 1872 pinx.

Rudolf Seitz, der in den Adelsstand erhoben wurde, erhielt seine künstlerische Ausbildung an der Münchener Akademie der Bildenden Künste, wo er 1888 zum Professor ernannt wurde. Zu seinen Freunden zählten u.a der Bildhauer Adolf von Hildebrand (1847-1921) und der Architekt Gabriel von Seidl (1848-1913), der das mittelalterliche Wasserschloss Schönau im Rottal umgestaltet hat. Seidl war auch Erbauer des Bayerischen Nationalmuseums, dessen Bestände sein Freund Rudolf Seitz als Konservator grundlegend neu organisiert hat. 1878 gründete Seitz mit Gabriel von Seidl ein Atelier für Innendekoration, die Firma „Seitz und Seidl“, die sich die kunstgewerbliche Neugestaltung von Möbeln und Gebrauchsgegenständen zur Aufgabe machte. So trägt auch das Vornbacher Herrenzimmer die Handschrift von Seitz. Es ist ausgestattet mit den typischen Dekorationsschemata der Renaissance: holzvertäfelte Wände, Kassettendecken, geschnitzte Schränke, Chaiselongue, Kachelofen und zwei prachtvolle Eingangsportale mit gesprengten Giebel. Der Erker fügt sich mit seinen vier bleiverglasten Fensterflügeln als harmonisches Glied in die Gesamtdekoration ein.

Dieser Salon erzählt viel vom Leben des Schlossherrn. Hierher zog er sich auf den mondänen Lehnstuhl im Erker zu Zigarre und alkoholischen Getränken zurück. Wie man auf den historischen Fotos erkennen kann, konnten sich einstmals um den quadratischen Spieltisch mit dem großen Aschenbecher und den vier bequemen Stühlen gesellige Männerrunden zu den klassischen Brett- und Glücksspielen versammeln.

In diesem behaglich eingerichteten Herrensalon sind die beiden von Rudolf Seitz geschaffenen einen Meter breiten und sieben Meter langen dekorativen Bildfriese an den Längsseiten ein belebendes Element, wenn das Lichtband diese in ihrer satten Farbenpracht hell erstrahlen lässt. Hier tummeln sich frohgestimmte Kinderfiguren in temperamentvollen Posen wie auf einer Bühne. Sie verkörpern mit ihren Kostümen und Requisiten all das, was die mannigfaltigen Interessen des begüterten Hausherrn widerspiegelt: Jagd, Zimmerei, Schreinerei, Schmiedekunst, Fischerei, Musik, Wein - und Gartenbau, Landwirtschaft, Würfelspiel, Reichtum aber auch Malerei, Bildhauerei, Geschichte und besonders die Naturwissenschaft. Über den beiden Eingangsportalen reichen sich zwei dieser puttengleichen drolligen Gestalten einen Lorbeerkranz.

Auf dem rechten Fries hat Rudolf Seitz als Bekenntnis zur Kultur der Renaissance deren größte Künstler mit Namen vermerkt, wobei die in roter Farbe geschriebenen Anfangsbuchstaben hervorstechen. Ihre Namen sind Tizian (1488-1576), Michelangelo (1475-1564), Raffael (1483-1520), Rembrandt (1606-1669), Holbein (1498-1543), Rubens (1577-1644), van Dyk (1599-1641) und Albrecht Dürer (1471- 1528).

Das große Interesse an der Wissenschaft beweist das gegenüberliegende Fries. Dort sind umgeben von naturwissenschaftlichen Gerätschaften wie Fernrohr, Globus oder Glaskolben, die Namen bedeutender Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts zu lesen:

der englische Historiker Henry Thomas Buckle (1821-1862),

der italienische Jesuit und Astronom Angelo Secchi (1818-1878), Pionier der Spektralanalyse,

der englische Naturforscher Charles Darwin (1809-1882), der wie kein anderer Forscher unser modernes Weltbild beeinflusst hat,

der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859), Mitbegründer der Geographie als empirischer Wissenschaft,

der niederländische Arzt Jakob Moleschott (1822-1893), der zu den bekanntesten Physiologen des 19. Jahrhunderts gehörte

und der deutsche Physiker und Philosoph Johann Wilhelm Ritter (1776-1810), der im Jahr 1801 die UV Strahlung entdeckte und 1802 den ersten Akkumulator konstruierte.