Das Kaminzimmer von 1892 im Schloss Vornbach

Ein bedeutendes Zeugnis der Wohnkultur des Historismus Wie aus einem Benediktinerkloster ein Schloss wurde – Teil 5

Wenn Ausflugsgäste mit dem Schiff auf dem Unteren Inn fahren, ist das ehemalige Benediktinerkloster Vornbach ein beliebes Fotomotiv. Es war Emil Freiherr von Schaetzler (1831-1899), der dem Kloster, das in der Säkularisation im Jahre 1803 aufgelöst worden war, ein zweites Leben als Schloss geschenkt hat. Nachdem Schaetzler 1854 in den Besitz von Vornbach gekommen war, ließ er als erstes das Areal des Klostergartens durch den späteren Hofgartendirektor Carl von Effner (1831-1884) zu einem Landschaftspark umgestalten. Ab 1872 schuf sich der kunstsinnige Schaetzler im Erdgeschoss private Gemächer für die Familie und im ersten Stock des Westflügels Repräsentationsräume, die zu einem aristrokratischen Haus gehörten. Dieses hochgestellte edle und schöne Geschoss wird als „Piano nobile“ (it.) oder als „Beletage“ (franz.) bezeichnet, wo der adelige Hausherr als „hochgestellte“ Persönlichkeit seine Gäste in die Prunkräume führte, die er nach eigenen Entwürfen gestaltet hat. Vorbild waren für Schaetzler die Stilformen der deutschen Renaissance des 16. Jahrhunderts, dem damals vorherrschenden Wohntrend, der sich an den Kunstformen und Mustern früherer Zeiten und fremder Kulturen orientierte.

In der Kunstgeschichte wird die Zeit zwischen Biedermeier und Jugendstil (1840 bis 1900) als Historismus bezeichnet. In den sog. „Gründerjahren“ des Kaiserreiches entstand ein deutscher Nationalstil, der sich für eine Epoche begeisterte, die selbst aus den Vorbildern der griechisch-römischen Kultur schöpfte und an Kreationen auf dem Gebiete des Kunstgewerbes unermeßlich reich war. In zahlreichen Ausstellungen und Publikationen wurden ganze Zimmereinrichtungen mit Getäfel und Kassettendecken, mit geschnitzten Möbeln und Kachelöfen präsentiert, die Charakteristika der Renaissance aufweisen.

Figürlicher Schmuck und Pflanzendekor als Ornament

Im abendländischen Kunstgewerbe war das Ornament (lat. ornare „schmücken“) als Grundform des künstlerischen Ausdrucks des Menschen stets von großer Bedeutung. Das Ornament akzentuiert und steigert die ästhetische Wirkung des jeweiligen Träger-Objektes. Es belebt die Flächen, indem es die einzelnen Teile optisch voneinander absetzt oder in spielerisch genussvoller Weise optisch verunklärt. Unser heutiges Kunstverständnis ist von den Lehren des Bauhauses bestimmt, das in der harmonisch gestalteten und nackten Form ohne Ornament die vollkommene künstlerische Lösung sieht. Um die von Schaetzler kunsthandwerklich gestalteten Räume zu verstehen, muss man das ästhetische Grundgesetz des 19. Jahrhunderts akzeptieren. Ein Gegenstand des gehobenen Gebrauchs müsse ein möglichst reiches Dekor aufweisen, weshalb man ihn mit figürlichem Schmuck, Pflanzendekor und geometrischen Ornamenten versehen hat. Die Dekorationsschemata, die Schmuckelemente, überhaupt die vielfältigen Ornamente der Renaissance, die von der zarten, stilisierten Pflanzenranke über die Groteske, Maureske bis zum kräftigen Rollwerk reichen, waren für das forschende Interesse des Handwerker-Künstlers des 19. Jahrhunderts ein reicher Quell für seine eigenen Erfindungen.  

Pracht und Prunk – die in Gold gefasste Holzdecke

Wenn man das Kaminzimmer betritt, wird der Blick zu der prunkvollen Holzdecke aus Zirbenholz hinaufgezogen, die sich in mehreren Abstufungen in die Höhe schwingt und mit dem metallischen Glanz des Goldes gefasst ist. Weibliche und männliche Köpfe, Engelsgesichter und Schädel von Löwen mit weit aufgerissenen Mäulern und Köpfe von Ziegenböcken mit großen Ohren und geschwungenden Hörnern bereichern die in handwerklicher Virtuosität gestaltete Holzdecke und bilden den dekorativen Höhepunkt.

In kalligrafisch schön gestalteten goldenen Lettern erscheint in Kartuschen die Jahreszahl 1892 auf zwei gegenüberliegenden Seiten.

Zwei andere Zierrahmen mit volutenartigem Rollwerk zeigen ineinerander verschlungene Zeichen, die auf das S im Schaetzlerwappen anspielen.

Satte Farbenpracht

Zum Historismus gehört satte Farbigkeit und Patina, die der gesamten Innendekoration den Charakter reicher, edler Würde verleihen. Schrille Buntheit findet man nicht. Die von den Kunstschreinern verfertigten Intarsien- und Marketerie-Arbeiten zeigen ein bemerkenswertes Qualitätsempfinden für Form und Ausführung.

Die einflügelige Eingangstüre zum Kaminzimmer ist aus Nussholz geschreinert und mit der anschließenden Wand harmonisch in Verbindung gesetzt. Mit ihrem figürlichen Schnitzwerk, ihrer Säulen-, Gesims- und Profilbildung und dem gebrochenen Giebel ist sie ein wahres Prachtstück, wobei die beidseitigen Nischen, die von zwei sich nach oben verjüngenden Halbsäulen gerahmt sind, belebende Elemente darstellen. Die hölzerne Wanddekoration wird auf einer Höhe von ca. 80 cm teils von Gobelins, teils von rot-goldenen Tapeten mit Brokatmuster abgelöst.

Dem dekorativen Gesamtbild des Raumes ordnen sich die Wandbilder und das Mobilar unter. Auf dem historischen Foto von 1900 sieht man als Wandschmuck das Portrait des Johann Freiherrn von Schaetzler (1762-1826). Der Großvater von Emil von Schaetzler wurde 1821 in den erblichen Adelsstand erhoben und hat damit das Adelsgeschlecht der Schaetzler begründet. An dieser Stelle hängt heute ein großformatiges barockes Bild mit Motiven aus der Jagd und Fischerei.

Verglasung mit Butzenscheibe

In der Zeit des Historismus hat man die Verglasung der Fenster mit Butzenscheiben wiederentdeckt, so wie dies im 15. und 16. Jahrhundert Mode war. Die Butzenscheiben gebieten den von draußen hereinströmenden Sonnenstrahlen Einhalt, lassen sie spielen und machen sie lebendig. Sie mildern den Kontrast des grellen Lichtes zu der dunklen Inneneinrichtung und sperren den Blick von der Außenwelt ab. So fügen sich alle Fenster mit ihren Butzenscheiben als harmonisches Glied in die behagliche Gesamtdekoration ein und tragen zur gedämpften Stimmung bei. Für den Ausblick nach draußen in den Landschaftspark stand der prächtige Balkon zur Verfügung, der durch eine zweiflügelige Tür vom Kaminzimmer zu betreten war. Wenn man alle Räume des „edlen Geschosses“ als Ganzes betrachtet, hat man den Eindruck, als wolle Schaetzler seinen Gästen den Eindruck vermitteln, als wenn schon Generationen vor ihm hier gelebt hätten.