Das Piano nobile im Schloss Vornbach

Eine abendländische Raumkategorie Wie aus einem Benediktinerkloster ein Schloss wurde – Teil 4

Die Stadtpaläste der italienischen Renaissance und die Residenzen der absolutistischen Fürsten wurden durch eine räumlich hochgestellte Ebene geprägt, auf der die repräsentativen Prunkräume lagen. Sie wird als Piano nobile (italienisch, das edele Geschoss) bezeichnet, ein Terminus, der um 1600 aufgekommen ist, seit dem 19. Jahrhundert ist dafür der Begriff Beletage (französisch, das vornehme Geschoss) im deutschen Sprachraum geläufig.

Das Piano nobile hatte eine öffentlichkeitsorientierte Funktion und diente dem Hausherrn für Repräsentationszwecke und gesellschaftliche Veranstaltungen. Im Gegensatz dazu waren die Gemächer im Erdgeschoss familienbezogen und hatten einen privaten Charakter. Solch eine hochgestellte Raumkategorie steht seit dem frühen Mittelalter in einer kulturhistorischen Entwicklungslinie, die bis heute reicht. Das Piano nobile signalisiert eine exklusive gesellschaftliche Stellung und erklärt sich zunächst aus der Verbindung von Turm und hochgestelltem Wohnen mit öffentlichen Funktionen, was im Frühmittelalter noch ein Vorrecht von Papst und König war. So hat auch das Piano nobile im ehemaligen Benediktinerkloster Vornbach eine besondere Bedeutung, das Baron Emil von Schaetzler (1831-1899) als Adeliger seinen privaten und repräsentativen Ansprüchen gemäß in ein Schloss verwandelt hat, das ein bedeutendes Zeugnis für die Wohnkultur des Historismus ist.

Den Vornbacher Besitz hat Emil von Schaeztler seinem Vater Ferdinand (1795-1856) zu verdanken, der als Bankier und Textilunternehmer in Augsburg es zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht hatte und 1821 in den Adelsstand erhoben worden war. Im Neuen Deutsche allgemeinen Adelslexikon, Erster Band, ist vermerkt: „Ferdinand von Schaetzler stiftete laut letztwilliger Verfügung d.d. München 1. Mai 1854 aus dem Landgute Vornbach am Inn im Landgerichte Passau in Niederbayern, nebst anderen Zubehörungen, ein Familiencommiss“. Durch diese Stiftung blieb das Schloss Vornbach immer im Besitz der Familie Schaetzler, weshalb der Inhaber von den Einkünften aus Grundbesitz, Brauerei und Gestüt leben musste.

Um sich als Adeliger in einem ehemaligen Kloster inszenieren und präsentieren zu können, schuf sich Emil von Schaetzler im ersten Stock exklusive Paradezimmer, dort wo sich einstmals auch die Räume des Abtes befanden. Schaetzler war vielseitig interessiert, naturverbunden und kunstbeflissen. Er kannte den damaligen Trend in der Innenraumgestaltung, der von den Stilformen der deutschen Renaissance des 16. Jahrhunderts inspiriert war, und setzte ihn in seinem Vornbacher Piano nobile um. Bemerkenswert ist, dass er sich dabei selbst als Kunstschreiner betätigte, worauf eine in die Holzdecke hineingeschriebene Inschrift oberhalb des Kachelofens hinweist. Danach hat Schaetzler die Decke selbst entworfen und auch ausgeführt: „Entwurf u. ausgef. durch Emil Freih. von Schaetzler."

Wer als Gast von Emil von Schaetzler eingeladen war, musste zuerst das doppelflügelige Eisentor passieren, das an zwei mit Fruchtvasen geschmückten Pylonen befestigt ist. Dann sah der Geladene vor sich das in die Westfront des Klosters integrierte prächtig gestaltete Eingangsportal aus Granit mit rustizierten Lisenen (waagerechte Fugenbänder) und dem gesprengten (geöffneten) Giebel mit einem Fenster in der Mitte. Oberhalb des Torbogens erkannte der Besucher die in Großantiqua geschriebenen Initialen des Abtes Benedikt Hepauer, der von 1624-1645 dem Kloster vorstand. Die Jahreszahl MDC XXXVIII (1638) und die Initialen B.A.I.F  (Benedikt Abbas in Formbach) waren eingemeißelt worden, um daran zu erinnern, dass Abt Benedikt Hepauer im Jahr 1638 mit dem barocken Umbau des Klosters und der Kirche begonnen hat. Oberhalb der Initialen des Abtes, zwischen dem geöffneten bzw.gesprengten Giebel des Tores, hat Schaetzler zwei aus Metall gefertigte Schaetzlerwappen anbringen lassen, die zeigen, dass die Schaetzlers die Besitzer sind:  ein aufgerichteter, schreitender Löwe , dessen Schwanz zu einem S (Schaetzler) gebogen ist und der in jeder seiner Vorderpranken eine fünfblättrige Rose an einem Stengel hält.

Direkt über dem Portalbogen erregt ein sechszackiger Stern die Aufmerksamkeit des Betrachters. Wenn man in ihm einen Brauerstern sieht, das Zunftzeichen der Brauer und Mälzer, dann weist er auf die Vornbacher Brauerei in den Klostergebäuden hin. Der sechszackige Brauerstern symbolisiert die drei am Brauen beteiligten Elemente Feuer, Wasser und Luft und andererseits die im Mittelalter bekannten Zutaten Wasser, Malz und Hopfen. Jedoch ist der Stern ein wesentliches Element des Schaetzlerwappens. Auch der Monopterus im Garten und der Obelisk der Schaetzlers auf dem Vornbacher Friedhof wird von einem Stern bekrönt. Dann gibt es für den aufmerksamen Beobachter noch zwei Sterne auf den Dachfirsten zu entdecken.

Nach diesem Portal, das das Untergeschoss durchschneidet, erreichte der Gast nach rechts gehend die Eingangspforte zum Treppenhaus, das im Jahr 1855 von dem Steinmetz Josef Veit aus Hauzenberg errichtet wurde.

Die Geschichte des Piano nobile ist mit der Lage und Ausformung der Treppe verbunden, denn aus der einläufigen Außentreppe entwickelte sich die doppelläufige Treppe mit Wendepodest in den Baukörper hinein. Dies ermöglichte die Inszenierung des Hinauf- und des Hinabsteigens bis zum Empfang ganz oben. Durch das Treppenhaus, das als prestigeträchtiges Statussymbol zu einem aristokratischen Haus gehörte, wurde der Zugang zu den repräsentativen Gesellschaftsräumen akzentuiert. Wenn Emil von Schaetzler oben zur Begrüßung der emporschreitenden Gäste bereitstand, konnte er als „hochgestellte“ Persönlichkeit seinen hohen gesellschaftlichen Status kommunizieren. Anschließend führte er die Besucher in eines der Gesellschaftsräume, die sich über die ganze Westfront erstreckten. Sie waren mit den typischen Dekorationsschemata der Neorenaissance, mit holzvertäfelten Wänden, Kassettendecken, geschnitzten Schränken und prachtvollen Türen ausgestattet. Das Herrenzimmer, der Salon mit dem Renaissancekachelofen und das Kaminzimmer mit der Ausgangstür zum Balkon sind bis auf die Möbel fast unverändert auf unsere Zeit gekommen.

Das gesamte Piano nobile ist auch von außen ein Blickfang: das prachtvolle Eingangsportal, der Erker, die Fensterläden und die prächtige auf dorischen Säulen ruhende und von einem Eisengitter eingefasste Aussichtsgalerie zum Park und zur Flusslandschaft hin.