Der Renaissancekachelofen im Schloss Vornbach

Nach der Aufhebung des Benediktinerklosters Vornbach im Zuge der Säkularisation kamen die Gebäude in private Hände. Mehrmals wechselten die Besitzer, bis der aus Augsburg stammende königlich bayerischer Oberleutnant Emil Baron von Schaetzler (1831-1899) evangelischen Glaubens im Jahr 1857 das Klosterareal kaufte. Schaetzler war sehr kunstsinnig und verwandelte das ehemalige Kloster in ein Schloss. Dazu ließ Schaetzler im Jahr 1859 durch den späteren Hofgartendirektor Carl von Effner (1831-1884) den Außenbereich gärtnerisch umgestalten. Effner, der für König Ludwig II. bedeutende Parks (Linderhof, Herrenchiemsee) schuf, akzentuierte die Topographie am Inn durch eine romantische Parkkomposition. So entstand ein Juwel landschaftlicher Gartengestaltung mit sanft geschwungenen Wegen, kulissenartig ausgebildeten Baumgruppen, Monopterus, Klause, Grotte und Schwanenteich.

Ab 1872 ließ Schaetzler die mit Blick auf den Schlosspark gelegenen Zimmerfluchten im Westflügel nach eigenen Entwürfen in repräsentative Wohngemächer umgestalten. Die kunstvollen Holzkassettendecken und hölzernen Wandvertäfelungen haben die Kunsttischler mit verzierenden Schnitzereien und Intarsien- oder Marketerie-Arbeiten in einer besonderen Furniertechnik gestaltet. Unter Verwendung historischer Stilelemente ist die gesamte Innendekoration zu einem neuen Ganzen verschmolzen und ein herausragendes Beispiel für die Wohnkultur des Historismus.

Den mittleren der drei Wohngemächer mit seinen dunklen Wandvertäfelungen und einer Holzkassettendecke schmückt ein farbenfroher Kachelofen aus der Zeit der Renaissance. Wie alle Öfen der Renaissance (1525 bis 1675) hat auch dieser prachtvolle Kachelofen eine kubische Form mit Unter- und Oberbau, er ist groß und steht auf Füßen. Die Kacheln sind großformatig, farbig glasiert und plastisch ausgebildet. Als künstlerisch gestaltetes Medium und Bildträger eines humanistischen Bildprogramms werden auf den unterschiedlichen Kacheln Weltanschauungen ausgedrückt.

Graphische Vorlagen

Mit dem Aufkommen drucktechnischer Erzeugnisse haben Gold- und Silberschmiede, Bildschnitzer, Töpfer und Modelschneider Holzschnitte und Kupferstiche hochrangiger Künstlerpersönlichkeiten als Vorlagen verwendet. Die Vornbacher Ofenkacheln lassen sich auf Stichvorlagen Nürnberger Kupferstecher zurückführen. Das am meisten kopierte graphische Vorlagenwerk war das „Kunstbüchlein“ des Zeichners und Kupferstechers Jost Amann (1539-1591). Ebenso standen die Arbeiten der Kupferstecher Hans Sebald Beham (1500-1550), Barthel Beham (1502-1440) und Georg Pencz (1500-1550) Pate, die in ihren Graphikserien berühmte Schlüsselwerke der italienischen Renaissance zitieren. Aber auch die bebilderte Ausgabe von Cesare Ripas (Rom, um 1555 - 1622) „Iconologia“ von 1603 benutzten die Kunsthandwerker.

 

Tugenden als Allegorien

Auf den Ofenkacheln sind die Allegorien der Gerechtigkeit, der Mäßigkeit, Klugheit, der Hoffnung und der Stärke dargestellt. Die christliche Morallehre, basierend auf die antiken Philosophen Aristoteles und Platon, beschreibt den Menschen als moralisches Wesen mit seinen Tugenden und Lastern. Da diese Werte nicht ohne weiteres vergegenständlicht werden konnten, verschlüsseln die Künstler sie in Allegorien (Personifikationen, Bilddarstellungen), denen bestimmte Attribute zugeordnet sind, die sie als Tugend kenntlich und unterscheidbar machen.

Farbenfrohe Kacheln

Alle Kacheln weisen den gleichen, klar strukturierten Aufbau auf. Die Allegorie präsentiert sich in der Mitte einer reich ornamentierten farbenfrohen Portalarchitektur, gleichsam gekrönt von einem gesprengten Giebel, bei dem die Mitte des Bogensegments geöffnet ist. Geschmückt wird das Portal links von einer männlichen Person mit Bart, nacktem Oberkörper und einem blauen Lendenschurz. Die rechte Figur ist weiblich, der nackte Oberkörper ist mit einer Halskette geziert. Gekleidet ist sie mit dem gleichen Lendenschurz wie die männliche Figur. Beide tragen auf dem Haupt einen Fruchtkranz. Über ihnen stehen zwei Engel, dort wo der Rundbogen beginnt. Die äußere Hand streckt sich gestisch nach unten, mit ihrer inneren ausgestreckten Hand spannen sie ein Tuch über die allegorische Figur im Zentrum.

 Justitia (Gerechtigkeit)

Den Oberbau des Kachelofens ziert die Allegorie der Gerechtigkeit als weibliche Figur. Wie schon in der Antike verdeutlicht die Waage in der linken Hand als Zeichen der Grenzfindung zwischen Recht und Unrecht die sorgfältige Abwägung der Sachlage. Das Richtschwert in der Rechten steht für die strafende Gerechtigkeit. Die Augenbinde bedeutet die Unparteilichkeit, also das Richten ohne Ansehen der Person. Die drei Attribute Augenbinde, Waage und Richtschwert sollen somit verdeutlichen, dass das Recht ohne Ansehen der Person (Augenbinde), nach sorgfältiger Abwägung der Sachlage (Waage) gesprochen und schließlich mit der nötigen Härte (Richtschwert) durchgesetzt wird.  

Mäßigkeit, Besonnenheit (Temperantia)

Die Mäßigkeit wird dargestellt, wie sie Wein aus einem Gefäß in ein anderes mit Wasser mischt und dabei das richtige Maß treffen muss. Schon bei Aristoteles liegt die Tugend der Besonnenheit im abwägenden Innehalten eines rechten Maßes begründet.

Klugheit, Umsicht (prudentia), Weisheit (sapientia)

Die Weisheit ist mit den Attributen Spiegel und Schlange dargestellt. Klug ist, wer an die Zukunft denkt und in seinem Handeln die Konsequenzen mit einbezieht (prudentia = die Kunst des Vorhersehens). Die Weisheit zeigt sich darin auf Grund von Lebenserfahrung zu gewissen Einsichten zu gelangen, die zur Lebensmeisterung notwendig sind. Der Schlange schrieben die Griechen seherische Kräfte zu (Klugheit als Voraussicht). Der Spiegel wird als Selbstreflexion verstanden.

Spes (Hoffnung)

Die weibliche Personifikation der Hoffnung (spes) blickt mit erhobenen Armen und offenen Händen zum Himmel, links unten der Anker.

Fortitudo (Stärke, Mut, Standfestigkeit, Tapferkeit)

Die allegorische Figur der Fortitudo ist zu identifizieren an der Säule als Attribut. Sie ist in einer Landschaft hineingestellt, die links angedeutet ist mit einem Baum und rechts unten mit einem Gebäude.